ERNESTYNA ORLOWSKA

 

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MYBYM Make Your Body Your Machine 20' 2021 (live version) 2024 (video version) Text von Raffael Dörig (Katalog zu Labouring Bodies, 2026, Tinguely Museum) Eine junge Frau, verkörpert von der Künstlerin, erscheint auf einem Tretroller. Dazu ertönt ein Stück aus dem Soundtrack von Rocky. Auf dem Rücken trägt sie den würfelförmigen Rucksack eines Essenslieferdienstes. Mit diesem Rucksack beginnt sie nun zu interagieren, bewegt ihn rhythmisch am Rücken hin und her, lässt sich rücklings darauf fallen und rutscht rückwärts dem Boden entlang. Sie wirft ihn wiederholt im hohen Bogen weg, um sich anschliessend darauf zu stürzen. An Fitnessübungen, Kampf und Tanz erinnert das (sogar eine Art Twerking entwickelt sich aus dem Ringen mit dem Rucksack). Schliesslich öffnet sie den Rucksack mit den Zähnen, setzt sie sich breitbeinig darauf und bringt ein ramponiertes Einweggefäss mit einem Nudelgericht zum Vorschein. Sie isst es zum Eurodance-Song Freed From Desire von Gala, den sie kauend mitsingt: «freed from desire / mind and senses purified». Verstand und Sinne, Geist und Körper: Was Gala besingt, führt in den Kern der Arbeit von Ernestyna Orlowska, die fragt: «Warum sprechen wir über unsere Körper als etwas, das wir haben, und nicht als etwas, das wir sind?» Die Künstlerin hat Make Your Body Your Machine in den letzten Jahren mehrfach aufgeführt. In der Ausstellung zu sehen ist ein Video von der Aufführung beim Genfer Offspace Zabriskie Point. Dieser befindet sich an einer belebten Kreuzung, wo der Anblick von Menschen mit Kurierrucksäcken nichts Ungewöhnliches ist. Orlowskas Protagonistin bricht jedoch aus dem System der Gig-Economy aus, in welcher der arbeitende Körper quasi Anhängsel einer App ist. Der maschinengewordene, vereinzelte Körper in der Gig-Economy ist Symptom der gleichen Entwicklung wie die Selbstoptimierung. Körper und Geist sollen auf Leistung und Attraktivität getrimmt werden. Darauf wird hier mit Verweisen auf Fitness und Sport angespielt, etwa mit dem für Orlowska typischen Patchwork-Kostüm aus Sportkleidern. Der Titel der Performance ist dem Slogan einer Firma entlehnt, die ein Gesamtpaket von Geräten, Apps und Lektionen zur körperlichen Fitness anbietet. Der andere Slogan, der uns hier begegnet, stammt von einem Lieferdienst und steht auf dem Rucksack: «Just Eat». Als ob es so einfach wäre mit den gesellschaftlichen Erwartungen bezüglich Essen und Körper. In einigen ihrer Performances kooperiert Orlowska mit Tänzer:innen und anderen Mitwirkenden. Wenn sie wie hier selbst performt, arbeitet sie als sehr gross gewachsene Frau auch explizit mit der Erfahrung eines Körpers, der von der Norm abweicht. Normen und Erwartungen bezüglich weiblich gelesener Körper sind denn auch ein zentrales Thema ihrer Arbeit. Eine Antwort von Orlowska auf Körpernormen und Optimierungszwang ist das Zelebrieren des Ungelenken, Rohen und Brüchigen, mit slapstickartigem Humor. Sie muss auch selbst lachen beim singenden Verschlingen der Nudeln, doch uns bleibt das Lachen im Hals stecken.
Ernestyna Orlowska
Ernestyna Orlowska
Ernestyna Orlowska
Ernestyna Orlowska
Ernestyna Orlowska

Photos: Margot Roth